Liebe und Liebesillusionen

Was Liebe ist und was nicht

     

Liebeskummer

 wird oft belächelt und als vorübergehendes Teenagerphänomen abgetan. Finde ich grundfalsch. Hinter dem Liebesschmerz verbirgt sich nicht selten Verlustangst. 

 

Erwachsen geworden wissen manche Menschen nicht so recht, wer sie sind und was sie wollen. Wie sie sein sollen, um dazuzugehören, diesem Ruf folgen sie oft ohne wenn und aber. Aber warum leiden sie dann darunter, nicht gut genug zu sein? Verzweifelt suchen sie nach Anerkennung, Bestätigung und Liebe. Das Verlangen danach hört und hört nicht auf, wird zum Faß ohne ohne Boden.

 

Die Gründe dafür sind komplex und führen in die frühe Kindheit zurück, zu ungelösten Bindungskonflikten. An dieser Stelle muss ich ein wenig ausholen und zuerst ein paar Worte zur Situation von Eltern sagen. Die meisten Eltern, die ich kenne, müssen einen unglaublichen Spagat hinkriegen. Sie sollen den täglichen Spießrutenlauf bestehend aus Kinderbetreuung, Schulanforderungen, Freizeitaktivitäten und eigener Erwerbsarbeit unter einen Hut bringen. Alles in allem - Stress pur. Darüber hinaus gibt‘s leider auch noch solche Eltern, die nicht in der Fülle leben. Damit sind nicht jene Familien gemeint, die von materieller Not betroffen sind. Die gibt es zwar auch, was traurig genug ist, aber mir geht es um einen anderen Aspekt: In so manchem Zuhause fehlt die Herzenswärme. Der Kühlschrank ist voll, aber die Seele knurrt. Nicht alle Mütter und Väter verfügen über gesunde elterliche Qualitäten, weil sie innerlich bedürftig geblieben sind.

 

Aber was ist eigentlich Verlustangst?

 

Ich denke da an die beiden Weltkriege. An Mütter und Väter als Kriegsteilnehmer und an die nächsten Generationen, die Kriegskinder und Kriegsenkel. Viele Großeltern und Eltern von damals sind den Eltern von heute etwas sehr Wesentliches schuldig geblieben: Geborgenheit, emotionale Wärme und Sicherheit, Bestätigung und Orientierung. Mit anderen Worten - Liebe

 

Eltern können an ihre Kinder nur das (weiter)geben, was sie selber bekommen haben. Schuldzuweisungen sind hier fehl am Platz. Es geht um Verstehen. Dabei helfen historische und biografische Einordnungen sehr und vor allem modernes Traumawissen. Alle Menschen sollten wissen, was Kriege anrichten. Der "gerechte Krieg" ist eine Propagandalüge. Das wird in unserer krisengeschüttelten Gegenwart leider ausgeblendet. 

 

Liebesmangel 

und fehlende Bindungssicherheit sind die hauptsächlichen Quellen von Verlustangst. Muss sich ein Kind schon in den ersten Lebensjahren nach irritierenden, überfordernden und widersprüchlichen Beziehungsvorstellungen und Bedürfnissen seiner Eltern richten, wird es schwer belastet. Um das Kind, um seine eigenen Bedürfnisse, ist es nie gegangen. Die berechtigte Wut darüber muss das Kind aber unterdrücken, denn es braucht seine Mama und seinen Papa ganz existenziell. Der Kontakt zu den Eltern darf keinesfalls gefährdet werden. Wenn aber existenzielle kindliche Bedürfnisse und Gefühle abgespalten werden müssen, stellt sich als Spätfolge etwas sehr Ungesundes im Erwachsenenleben ein: Selbstentfremdung. Dieser Mensch weiß nur, wie er sein soll, aber nicht, wer und wie er wirklich ist. Und oft leidet an dem Gefühl, ein Alien zu sein, nicht dazuzugehören. 

 

Von der Umwelt werden Menschen mit Verlustangst als anstrengend wahrgenommen. Unverständnis schlägt ihnen entgegen. Damit nicht genug. Leider können Individuen, die von Verlustangst betroffen sind, sich selbst nicht verstehen. Weil dieser Zustand fast nicht zu ertragen ist, folgen viele einer vertrauten Sehnsucht. Sie folgen ihren kindlichen Liebesillusionen. 

 

Liebesillusionen

sind sehr mächtig, sie weben sich in die psychische DNA des Organismus ein. Oft werden sie mit Liebe verwechselt. Zum Beispiel sind viele Menschen davon überzeugt, dass sie sich zu wenig anstrengen, dass es nur an ihnen liegt, dass sie nicht geliebt werden. Sie kämpfen darum, geliebt zu werden, Liebesillusionen flüstern ihnen ein „Sei so wie die anderen dich haben wollen und brauchen“. 

 

Liebesillusionen verschleiern die Verlustangst, sie verleiten dazu, die Realität auszublenden. Wenn frühkindliche Ängste ins Bewusstsein dringen, kippt auch das Nervensystem in die Vergangenheit, in eine Trauma-Erinnerungs-Spur. Das Bindungssystem reagiert überaktiv, die Amygdala wird mit chaotischen Gefühlen geflutet, sie kann momentan nur mit einer mächtigen Ersatzlösung beruhigt werden. Mit der Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe und mit symbiotischen Verschmelzungswünschen.

 

Liebe ist eine Kunst. Dieser Satz stammt vom dänischen Autor und Familientherapeuten Jesper Juul (1948-2019). Jemanden zu lieben bedeutet seiner Auffassung nach: Ich habe das Wohlergehen des anderen im Blick, ohne mich selbst dabei aufgeben zu müssenHinter der Befürchtung, sich selbst aufgeben zu müssen, steckt eine nicht kommunizierte, unbewusste Erwartungshaltung - nämlich vom anderen verlassen, abgelehnt oder emotional nicht ausreichend versorgt zu werden. Liebesillusionen sind stark mit dem Bedürfnis nach Sicherheit und Nähe verknüpft„Wenn ich mich nicht genug kümmere, wenn ich mich nicht genug anpasse oder Nähe halte, verliere ich die Liebe der anderen Person.“

 

Trauer, Wut und Autonomiebedürfnisse sind oft tief abgespalten. Beziehungsorientierte Überlebensstrategien zeugen von abgespaltenen Bedürfnissen. Die eigenen (ungestillten) Bedürfnisse im Kontakt mit einem wohlwollenden Gegenüber mitteilen zu können, weist den Weg in eine gesunde Autonomie. Wer eine gute Antwort auf die Frage „Wer bin ich und was will ich?" finden kann, hat bereits viel geschafft. In der Präsenz, im „Bei-sich-sein-können“, kann die Verschmelzungsvision losgelassen werden und Platz für die Liebe machen. Erwachsene Liebe heißt freilassen.

 

Die Freiheit, die sich großartig anfühlt

ist bei Lichte betrachtet oft nichts anderes als die Angst vor echter Nähe, vor Kontakt. Viele Singles sehen das anders. Sie finden ihr Ungebundensein cool. Mag sein. Ein Blick ins Kinderzimmer zeigt oft eine andere Version der Geschichte. 

 

Die Abwehr von tiefer Not ist das zentrale Thema vernachlässigter und früh verlassener Kinder. 

 

Es gibt Kinder, die waren einfach nicht willkommen. Ungeplant und unerwünscht kamen sie auf die Welt. Manche haben sogar Abtreibungsversuche überlebt, andere wurden weg gegeben. Aber auch jene Kinder, die sehr früh einen Elternteil verloren haben, haben ganz schlimmen Bindungs- und Liebesmangel erlebt. Mehr noch, manche von ihnen hatten überhaupt kein Halt gebendes Gegenüber. Sie waren ganz alleine. Das hat zweifelsohne gravierende Konsequenzen. Aber es gibt auch eine gute Nachricht. Ungenügend geliebte Kinder sind oft sehr intelligent. Ihr Verstand arbeitet hervorragend. Damit können sie beruflich und gesellschaftlich sehr erfolgreich sein und es weit bringen.

 

Das Versteckspiel 

Dass bestimmte Menschen sich vor der Liebe fürchten, vor allem vor dem Geliebt-werden, bleibt manchmal ziemlich lange unentdeckt. Ausgetüftelte Überlebensstrategien sorgen dafür, dass ihre Angst vor Nähe erfolgreich abgewehrt wird. Verantwortlich dafür sind kreative Notlösungen, die in der Kindheit gefunden wurden. Für die kindliche Not, die einst riesengroß war, gab es keine Lösung. Zum Glück sind Kinder äußerst begabte Überlebenskünstler. Sie erschaffen sich mit Mut und Phantasie ihre eigene Welt, in der Art, wie Astrid Lindgrens (1907-2002) Buchheldin Pippi Langstrumpf das konnte. 

 

Solche Notlösungen sind nichts anderes als Trauma-Schutzprogramme. Sie dienen dem Überleben. Darum werden sie im Organismus dauerhaft eingespeichert. Einst haben sie dafür gesorgt, dass das Kind nicht sterben musste. Mit der Zeit können daraus felsenfeste Überzeugungen werden, die wie Computerprogramme funktionieren. Und man funktioniert dann tatsächlich perfekt. Auch dann, wenn man längst erwachsen ist und alles gut und sicher ist. Das Nervensystem reagiert trotzdem mit dem Überlebensmuster.  All das ist dem Bewusstsein nicht zugänglich, aber es ist hoch wirksam. Zuverlässig lenkt das Gehirn den erwachsenen Menschen von der Liebe ab, denn es erzeugt etwas, das ebenso stark ist wie die Liebe. Es kreiert ein aufgeblasenes Ego, ein Traumaschutz-Monster, das leidvolle Gefühle und Schmerz abwehrt und Feindbilder erzeugt.

 

Überlebensprogramme 

früh verlassener Kinder sorgen leider oft für Zores. Kommt ihnen jemand zu nahe, ahnen sie, dass ihre Liebesverletzungen aktiviert werden könnten. Und so provozieren sie Chaos und Streit und das führt oft in eine Trennung. Unbewusst suchen sie die Distanz, indem sie aus dem Kontakt gehen, denn nur im Getrenntsein fühlen sie sich sicher, können sie ihr Nervensystem aus dem Stress-Modus herausholen. Ihr Bindungssystem ist dann im Shut-Down-Modus, also abgeschaltet, damit können sie den Schmerz des frühen Ungeliebtseins ausblenden. Nicht gelebte Liebe versinkt im Schmerz und geht unter.

 

Das Anzetteln von Konflikten und Trennungsszenarien sind unbewusste Beziehungsmuster, die dann eingesetzt werden, wenn Nähe als bedrohlich erlebt wird. 

 

Der Rückzug, die Flucht in die Autonomie, besänftigt die Angst, von der anderen Person vereinnahmt zu werden oder die eigene Freiheit und Selbstbestimmung in einer Beziehung aufgeben zu müssen: „Ich verliere mich selbst, wenn ich mich auf die andere Person einlasse.“

 

Die Überlebensstrategien (pseudo)autonomer Menschen klingen irgendwie paradox, denn ihre unerreichbare und verdrängte Sehnsucht will etwas anderes. Im Grunde suchen sie Kontakt und Verbundenheit. Sie wollen lieben und geliebt werden. Schmerzliche Gefühle und Nähe zuzulassen ist ihre größte Herausforderung und ihre Lernaufgabe.

 

Das Beziehungsmuster

Beide Beziehungstypen stehen oft in einem Spannungsverhältnis und können sich gegenseitig verstärken – z. B. wenn eine Person klammert, was die andere zum Rückzug bewegt. In vielen Beziehungen pendeln sich Menschen in einem „Beziehungsdynamik-Tanz“ zwischen diesen beiden Polen ein.