Das Ich-Gut | Du-Böse Spiel
Edel sei der Mensch, hilfreich und gut
ist ein beliebter Stammbuch-Spruch. Kennt wohl jeder. Kann daran etwas falsch sein? Überhaupt nicht, finde ich. Worum geht' s dann hier? Nicht um das Gute und Edle im Menschen, an das der Dichterfürst einst appellierte, sondern um den verfälschten, scheinheiligen Gebrauch von Moral. Um Moralismus.
Moralismus ist zwischenzeitlich ein Gesellschaftsspiel geworden. Ich nenne es das Ich-Gut|DuBöse-Spiel. Gemeint ist damit der Drang, dem Gegenüber zu zeigen, dass man tugendhafter und menschenfreundlicher ist als die anderen. Man entkommt ihnen nicht mehr, den „wirklich anständigen Menschen“, die sich damit hervortun, der Welt zu zeigen, dass sie auf der moralisch richtigen Seite stehen, dass sie für Gerechtigkeit, Anstand und Solidarität stehen, dass sie zu den Guten gehören. Stellt sich die Frage: Und was ist mit den anderen Menschen? Die Guten meinen: "Die anderen sind leider nicht dialogfähig. Sie stören. Die braucht keiner!"
Wer hat Recht?
Ich beginne mit einem banalen Alltagsbeispiel. Es war einmal sehr unkompliziert, miteinander ins Gespräch zu kommen. Man redete einfach über‘s Wetter. Smalltalk halt. Das geht heute nicht mehr so leicht, weil man über‘s Wetter schnell beim Klimawandel landet. Und Klimawandel ist vermintes Terrain. Die Debatte zum menschengemachten Klimawandel ist total überhitzt. Es herrscht Klimahysterie. Gut gemeinte Verständigungsbemühungen landen in der Sackgasse. Es ist kein Geheimnis, dass die aktuelle Klimahysterie ganz klare Ursachen hat. Klimahysterie verschleiert den fehlenden Umweltschutz. Darum werden auch die moralischen Imperative immer lauter. Politik & Leitmedien sind sich diesbezüglich weitgehend einig. Sie empfehlen uns eine Ablenkungsstrategie, die simpel gestrickt ist: Man stelle berechtigte Kritik und mutigen Widerstand erst mal in die Pfui-Ecke und fahnde stattdessen eifrig nach Sündenböcken. Und so wird gefragt: „Wer ist moralisch im Recht?“ Die jugendlichen Klima-Aktivisten, die berufstätige Bevölkerung, die durch die Klima-Kleber behindert wird und zu spät zur Arbeit kommt, oder gar die unsäglichen Klima-Leugner?
Es ist verzwickt
Umweltschutz und Klimawandel sind sehr komplexe Themen. Und es ist davon auszugehen, dass alle Involvierten auf ihre Weise moralisch motiviert sind. Mehr oder weniger. Und alle haben mehr oder weniger Recht. "Wer ist moralisch im Recht?“ ist eine Frage, die suggeriert: Es gibt Anständige und Unanständige. Das macht die Sache erst recht kompliziert. Menschen sind zwar verschieden, aber in einer Sache empfinden sie offenbar gleich. Ich glaube, alle wollen zu den Guten gehören, halten es aber ganz schlecht aus, dass sie in Wirklichkeit nicht so „gut“, so "anständig", so „menschenfreundlich“ sind, wie sie gerne sein möchten. Für mich ist diese Annahme nachvollziehbar und eine mögliche Erklärung dafür, warum die Zahl der Moralapostel stetig steigt, warum es immer mehr Menschen gibt, die tricksen, die versuchen, ihr mattes Selbstbild auf Kosten anderer aufzupolieren.
Erfahrungen und Erkenntnisse aus Österreichs Coronazeit haben mich auf die Idee gebracht, das Ich-Gut|DuBöse-Spiel näher zu beleuchten.
Die Performance von Politik & Medien
Offenherzig und menschenfreundlich reflektieren manche Verantwortungsträger aus Politik & Medien die Coronapolitik. Rudi Anschober, von Jänner 2020 bis Mitte April 2021 Sozial- und Gesundheitsminister der türkis-grünen Bundesregierung. war Österreichs erster Corona-Gesundheitsminister. Sein Burnout zwang ihm zum Rücktritt. 2022 schreibt er ein Buch. Es nennt sich Pandemia. Uns Leser lässt er wissen, dass ihm (und der Regierung) damals aufgrund der ‚beispiellosen Herausforderungen des Ausnahmezustandes unter Corona‘ verzeihliche Fehler passiert sind. Das Verbreiten des Slogans "Pandemie der Ungeimpften" sei wohl einer seiner größten Fehler gewesen, bekennt er auch in Interviews. Dies habe zur Spaltung beigetragen und den falschen Eindruck erweckt, Geimpfte könnten das Virus nicht mehr übertragen. Später räumte er auch ein, dass die Regierung in der Kommunikation auf Abschreckung und Angst setzte. Hinzu kamen rechtliche Mängel bei Verordnungen, schwierige Machtdynamiken und Koalitionszwänge. Und ja, verzeihlich sei auch, so der sympathische grüne Exminister, oft ist man erst im Nachhinein klüger. Deshalb sei es an der Zeit, sich zu versöhnen. Man müsse die Gräben endlich zuschütten und einander die Hände reichen. Für ein gedeihliches Miteinander.
Wirklich schön gesagt. Oh ja. Und vollkommen richtig, sagen nicht wenige. Und Ende der Diskussion. Man muss verzeihen können. Es ist doch vorbei. Oder doch nicht? Die meisten Menschen, die ich kenne, können Statements zur Coronapolitik nicht mehr ertragen. Manche winken von vornherein ab, weil sie Politikern sowieso nicht glauben. Und viel mehr Menschen, als die Politik vermutet, sagen: Nein, so nicht! Was ihr uns da anbietet, hat nichts mit politischer Verantwortung zu tun. Es ist ein schäbiger Vereinnahmungsversuch. Scheinheilige Versöhnungsangebote weisen wir zurück. Politisch verkitschte Sentimentalität ebenso. Und wir lehnen auch die politische Corona-Schaumschlägerei der FPÖ, Österreichs größter Oppositionspartei, ab. Wir verlangen von der Politik eine seriöse und transparente Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen. Also. Darf man fragen: Wer hat Recht? Oje. Falsche Frage? Dann vielleicht - können wir darüber reden, heute, fünf Jahre nach Corona?
Wir hätscheln ein Tabu
Hm. Reden, eher nicht. Immer noch nicht. Mir geht ein Licht auf, woher das peinliche Schweigen kommt, in Familien, unter Freunden, sobald es um Politik geht. Scheinbar existiert ein Tabu, das allen die Lippen versiegelt. Reden geht nicht. Unser Diskussionsklima ist vergiftet. Die Polarisierung nimmt immer mehr Fahrt auf.
Warum ist das so? Und wer will das? Unser Alltag ist doch schon herausfordernd genug. Wir werden von multiplen Krisen gejagt. Ukraine-Russland-Krieg, die biblische Gewaltspirale in Nahost, Zuwanderung, Energiekrise, Teuerung, Klimawandel. Jetzt der US-Handelskrieg. Und im Inland blickt die Republik zerknirscht in einen finsteren Abgrund. Österreich ist pleite. Also. Schauen wir genau hin. Was macht denn die Politik, was machen die politischen Verantwortungsträger?
Was man von hier aus sehen kann: Unsere Politiker stehen an. Die Regierung steht schon wieder vor offenen Gräben. Und sie zeigt sich zutiefst betroffen. Die Regierungsverantwortlichen starren in Gräben, die aussehen wie schwarze Löcher. Es sind Budgetlöcher, für die sie nichts können. Die Budget-Misere ist der Coronakrise geschuldet, den Schlamassel hat aber die türkis-grüne Vorgängerregierung angerichtet. So etwas sagen sie natürlich nicht, darüber wird nicht geredet, aber alle wissen es. Worum geht es dann? Dass wir den Gürtel enger schnallen müssen. Ja eh. Wissen wir. Dass wir, die Bevölkerung für das Corona-Missmanagement zur Kasse gebeten werden. Gegessen. Es geht also um seriöse Budgetpolitik. Okay. Damit es wieder aufwärts gehen kann. Wirtschaft ankurbeln, Teuerung und Inflation bekämpfen. Prima. Und wieso glauben dann manche Zeitgenossen, dass wir mit innenpolitischen Beruhigungspillen versorgt werden?
A tricky subject
Ich behaupte, wir sehen nur die Kulisse. Es geht um weit mehr, um etwas, das die meisten von uns schon länger ahnen und auch spüren. Um etwas, das sich hinter dem Label „Zeitenwende“ abspielt. Hier drei Beispiele:
- Die technologische Überforderung der Menschen durch KI & Co wird nicht ernst genommen. Man tut so, als sei alles normal. Online-Banking, digitale Amtswege und digitale Identitätsnachweise gelten längst als alternativlos. Das neue Normal ist digital. Punkt. Nach Corona wurde das analoge Leben ohne größere Umstände entsorgt. Weil die technologische Entmündigung mit dem geliebten Smartphone verknüpft ist, wird die Zwangsdigitalisierung von den meisten zähneknirschend hingenommen. Datenbasierte Systeme haben aber kein Bewusstsein dafür, was sie tun oder was um sie herum geschieht. KI-Systeme ersetzen menschliches Wissen, oder anders gesagt, sie ersetzen Arbeitsplätze im Wissensbereich. KI ersetzt aber keinen einzigen intelligenten Menschen, denn KI ist leer und bewusstlos.
- Europäische Arbeitsmarktmodelle haben ihren Charme längst eingebüßt. Es gibt immer mehr Verlierer und Abgehängte. Neoliberaler Wertewandel hat sich schleichend etabliert. Was einst als fairer Wettbewerb gerühmt wurde, ist inzwischen knallharte Konkurrenz und gnadenlose Ausbeutung. Wird nur nicht so genannt. Die finanz-kapitalistische Wohlstandsmaschine stottert unüberhörbar, sie weigert sich immer öfter, Wirtschaftswachstum zu generieren. Ohne Wirtschaftswachstum kein Wohlstand. Die Arbeitslosenzahlen sind beunruhigend hoch. Und sie steigen weiter. KI hat das Potenzial, diesen Trend entgleisen zu lassen. Bisher gut funktionierende Sozialsysteme schrumpfen, sie garantieren keine Sicherheit mehr. Sie können die Teuerung nicht abfangen. Was nun? Blüht uns Armut auf breiter Front?
- Die geopolitische Realität ist eine andere inzwischen. Und wir Europäer, allen voran unsere Politiker, haben ganz schön viel Angst. Nicht nur vor Russland. „Find your spine! tönte es aus Davos Richtung EU ... und hört damit auf Trump zu umschmeicheln, der pfeift auf euch.“ Neutralität, Vermitteln und Brücken bauen war gestern. Die EU ist anscheinend gezwungen, eine eigenständige Kampf- und Verteidigungsmaschinerie aufbauen. Kritiker monieren, dass in Wirklichkeit Kriegstüchtigkeit angestrebt wird. Ist der Krieg wieder da? Auch bei uns in Europa?
Wir könnten jetzt das Thema wechseln. Langsam wird es ungemütlich. Wer will schon ein heißes Eisen anfassen?
Sind wir gehorsam, dumm und böse?
Was für eine Frage! So war das mit dem Themawechsel nicht gemeint. But there’s a tricky subject. Ein heißes Eisen. Natürlich kann man davon ablenken. Am einfachsten ist der Mensch via Angst und Panik steuerbar. Auch die gegenwärtige Politik kommuniziert mit Abschreckung und Angstmache. Ob Klimawandel, Migration oder Russland - die Schauplätze sind austauschbar - ständig wird uns von Politik & Medien vor Augen geführt, dass wir bedroht sind, dass wir Gefahrenlagen abwehren müssen. Man sagt uns tagtäglich, dass wir Feinde haben, die bekämpft werden müssen. Bis wir es glauben. Angstmache ist eine Strategie, die dazu führt, dass bereits bestehende Ängste verstärkt werden. Bekanntlich ist Angstpropaganda, das ständige Wiederholen derselben manipulativen Parolen, ein Herrschaftsmittel.
Angstpropaganda wirkt. Und zwar so, dass man gar nicht merkt, dass Angst im Spiel ist. Propaganda lenkt davon ab, dass man nicht realisieren soll, wovor man sich zu Recht fürchten muss. Im Gegensatz zu berechtigter Furcht, macht Angst den Menschen gehorsam, dumm und böse. Gehorsam, dumm und böse? "Nein, so sind wir nicht!" sagt wer? Wir erinnern uns, Alexander Van der Bellen, unser Bundespräsident sagte das nach der Ibiza-Affäre! Mit diesem Ausspruch ist es ihm damals gelungen, das lädierte Selbstbild seiner führungsbedürftigen Wählerschaft aufzupolieren. Menschen möchten zu den Guten gehören. Und an das Gute glauben. Auch und gerade in der Politik. Gut-sein-wollen stabilisiert sie, lässt sie glänzen, innerlich erstrahlen.
Die Ausblendung oder "Nein, so sind wir nicht"!
„Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!“ sagt der Volksmund und macht es sich schön bequem. Die komplizierte und enttäuschende Realität lässt sich auch ausblenden. Ich denke, das ist es, was rund um uns geschieht. Das Nicht-wissen-wollen-Virus ist hoch ansteckend. Wie sonst ist es erklärbar, dass ein immer größer werdender Teil der Bevölkerung korrupte Politiker wählt, demokratisch legitimierte Verantwortungsträger, die lügen und betrügen.
Ausblenden bedeutet: An die Stelle der enttäuschenden Realität tritt eine illusionäre Vision, eine grandiose Rettungsidee. Diese Idee soll uns vor tatsächlichen, nicht gelösten Problemen schützen. Wer die Realität, wie sie ist, nicht aushalten will, sucht eine Rettungsidee. Der Benefit liegt auf der Hand: Die Angst ist dann wie weggewischt. Die Illusion funktioniert so: Ehrliche und offene Kommunikation wird blockiert und diffamiert und durch ein mentales Konzept – das Ich-Gut|DuBöse-Spiel - ersetzt: Moralisieren. Die Mitspieler können aufatmen und sich entspannen, sobald moralisiert wird. Moralisieren verhindert, dass die Kehrseite der Medaille aufgedeckt wird. Es ist eine sehr unangenehme Wahrheit, die auf der Kehrseite der Medaille eingraviert ist: „Das Wahlvolk“, also WIR als gesellschaftliches Kollektiv leben zwar in einer Demokratie, wir sind aber von inkompetenten und korrupten politischen Repräsentanten abhängig. Wollen wir das wirklich wissen? Hm. Dann vielleicht lieber das: Nein, so (dumm) sind wir nicht! Wir sind edel, hilfreich und gut. Wir gehören alle zu den Guten, auch die Politiker, die wir wählen. Was für eine Erleichterung!
Johann Wolfgang von Goethe kann sich gegen die Vereinnahmung durch Moralapostel nicht mehr wehren, er würde sich im Grabe umdrehen, wenn er mitbekäme, dass "sein edler Mensch" jetzt in einem Moralgefängnis einsitzt.
Die Überlebensstrategie
Wir sollten wissen, was eine Überlebensstrategie ist und was das mit dem Ich-Gut|DuBöse-Spiel zu tun hat. Könnten wir in unsere Köpfe hineinschauen, dann würden wir es sofort bemerken. Wenn wir Angst haben, sind unsere (unbewussten) Überlebensinstinkte hyperaktiv. Sie überrumpeln den Intellekt. Wir reagieren mit dem Reptilienhirn-Kommando "friss oder stirb!" auf die Angst und blenden sie blitzschnell aus. Natürlich fressen wir lieber, als zu sterben. Also akzeptieren wir, was uns von Politik & Medien vorgesetzt wird. Der präfrontale Cortex übernimmt anschließend die Kontrolle über unser reflexhaftes Verhalten und macht das Beste aus der Überlebensreaktion. Zuerst beruhigt er die Amygdala, er reguliert die Angst und das Gefühlschaos. Der präfrontale Cortex ist für die Integration zuständig und findet intelligente Lösungen, die gut passen. Und so findet der präfrontale Cortex heraus, dass man den eigenen unanständigen Verhaltensanteil ganz unkompliziert bei einem Gegenüber entsorgen kann. Es soll ja für mich passen. Und das geht nur, wenn das Gute bei mir bleibt und das Böse sich beim anderen festkrallt. Auch so kann man Spaltung erklären.
Der Vertrauensverlust
Die vergangenen Jahre haben schlimme Fehlentwicklungen aufgezeigt. Der Preis, den wir für die Angstabwehr durch Spaltung bezahlen müssen, ist katastrophal. Unsere Kultur, unsere Beziehungen werden dadurch permanent bedroht. Vertrauen geht verloren, das Sicherheitsempfinden schrumpft. Das führt letztlich zur Zerstörung des zwischenmenschlichen Zusammenhalts. Dazu mag ich nicht schweigen:
Wir wurden in der Corona-Zeit gespalten und wir werden auch jetzt gespalten.
Die unanständige Meinungsfreiheit
Unüberbrückbare Meinungsdifferenzen werden oft als Spaltungsursache genannt, doch das stimmt nicht. Über Meinungen kann man reden,
diskutieren, lässt sich trefflich streiten. Und nichts passiert, wenn echte Meinungsfreiheit herrscht. Meinungsfreiheit bedeutet, dass man Meinungen angstfrei und fair äußern kann. Doch das gilt
nicht mehr. Inzwischen wird unterschieden zwischen moralisch sauberen und moralisch unsauberen Meinungen. Zwischen anständiger und unanständiger Meinungsfreiheit. Man kann zwar öffentlich sagen,
was man will, aber „unzulässige Meinungen“ führen zu negativen Konsequenzen. Das ist durch bestimmte Coronamaßnahmen gut belegt. Die von Kurzzeitkanzler Alexander Schallenberg verkündete „allgemeine Impfpflicht“ und die Ausrufung der „Pandemie der
Ungeimpften“ führten dazu, dass in Österreich zwei Millionen Menschen extrem lange eingesperrt wurden. Während die „Anständigen“ fröhlich das Christfest feierten und in den Schiurlaub gingen,
wünschte der Kanzler dem unanständigen Teil der Bevölkerung via ORF-Fernsehen ungemütliche Weihnachten. Er bestrafte sie mit einem extra langen Lockdown. Für die „Unanständigen“ dauerte der
Lockdown zweieinhalb Monate, vom 15. November 2021 bis 31. Jänner 2022.
Das rechte Eck
Obwohl ständig das Gegenteil behauptet wird, muss gesagt werden können – natürlich ist die Meinungsfreiheit ist eingeschränkt worden. Was nicht nur ich beobachte: Meinungen die stören, werden ignoriert, abgewehrt und sanktioniert. Und inzwischen sehr beliebt, sie werden ins „rechte Eck“ gekickt. Wer klar denken kann, merkt es. Es ist ein „Foul“. Im neuen Normal regiert ganz ungeniert der anständige Meinungsjournalismus. Es wird immer schwieriger, sich seriös zu informieren. Die Qualitätsmedien berichten manchmal über gesellschaftlich relevante Themen, als wären sie gleichgeschaltet. Sie informieren einseitig, mit propagandistischer Schlagseite. In ihren Talk-Shows bleiben Gastgeber und Gäste gerne unter sich. Sehr selten wird jemand eingeladen, der nicht ins Format passt. In der Anmoderation erfährt das Publikum, dass zwischen vier Persönlichkeiten ein „umstrittener“ Gast sitzt. Also Vorsicht. Wer als umstritten gilt, besser gesagt, wer so angekündigt wird, steht im Verdacht ein Verschwörungstheoretiker zu sein. Und höchst wahrscheinlich findet sich im Laufe der Sendung ein Hinweis, dass diese Person mit den Rechten verbandelt ist. Die Faktenchecker der Leitmedien haben nämlich eines herausgefunden: Die Rechten sind das Problem. Vor allem sie sind die Bösewichte. Aha.
We agree to disagree
geht sich nicht mehr aus. Es existiert eine immer größer werdende gesellschaftliche Abwehrhaltung, ein Sich-Weigern, offen und respektvoll miteinander zu reden, dem Gegenüber wirklich zuzuhören. Ich vermute, viele Menschen moralisieren deshalb so leidenschaftlich, weil sie es nicht mehr schaffen, sich in Beziehungen zu zeigen und das auszusprechen, was sie wirklich fühlen, spüren und denken. Wenn das nicht mehr geht, wenn Menschen sich nicht mehr verständigen können, dann müssen sie projizieren, dann müssen sie das Böse einem Gegenüber anlasten. Mit einem "Störenfried" wird deshalb nicht mehr geredet. Auseinandersetzungen werden immer öfter vermieden oder verächtlich in Talk-Shows ausgetragen. Die analogen Debattenräume haben sich extrem verengt. Die Guten reden nicht mehr mit den Bösen. Sie haben Brandmauern errichtet. Sie spielen ein gefährliches Gesellschaftsspiel. Das IchGut-DuBöse-Spiel.
Die narzisstische Zwangsjacke
Bleibt die Frage, warum nur sind wir in diese destruktive Entweder/Oder-Falle geraten? Aus meiner Sicht liegen die Ursachen auf der Hand. Die Mehrheit unseres politischen Führungspersonals ist abgehoben, gefühls- und realitätsblind, mit anderen Worten - narzisstisch gestört. Dazu gesellt sich Medienversagen und eine angstgesteuerte, selbstentfremdete Wählerschaft. Diese Gemengelage halte ich für den wahren Krisenzündstoff zerstörerischer gesellschaftlicher Entwicklungen. Um welche Partei es geht, ist ziemlich egal, aktuelle Politik hat per se das Charisma einer narzisstischen Zwangsjacke angenommen. Wer am unverschämtesten und elegantesten lügt und betrügt, führt die Beliebtheitsskala an, wird am meisten hofiert. Der renommierte Arzt und Psychoanalytiker Dr. Hans-Joachim Maaz diagnostiziert: „So ein Politiker ist wie eine Wundsalbe auf die Verletzungen seiner abhängigen und führungsbedürftigen Wählerschaft. Mit ihm gelingt die Illusion per Stimmzettel etwas bewirken zu können.“
Moralisieren führt in eine Täter-Opfer-Dynamik
Im Grunde läuft es darauf hinaus: Machen wir mit oder machen wir nicht mit? Moralisieren statt Kommunizieren festigt alte Feindbilder und erzeugt neue Feindbilder. Es wird übersehen, dass die moralisch aufgeladene Verteidigung demokratischer Grundwerte nicht zu ihrer Rettung beiträgt, es passiert das Gegenteil, Demokratien kommen weltweit immer stärker unter Druck. Feindbilder ziehen uns in kriegerische Auseinandersetzungen hinein, verwickeln uns, auch wenn wir das nicht wollen. Die daraus entstehende Täter-Opfer-Dynamik ist aber kein Muss. Es geht nicht nur um die Angstpolitik der Großmächte und ihre Stellvertreterkriege. Es geht nicht nur um die Putins und die Trumps dieser Welt. WIR vergessen oft, wir sind viele. Es bräuchte den Mut, die Medaille umzudrehen und sich der Realität zu stellen. Es ist eine Frage des Bewusstseins.
Ich will ein WIR, das zusammenhält
Wohin sich unsere Parallelgesellschaft entwickeln wird, ist ungewiss. Aber ich weiß, wohin ich mich entwickeln möchte. Ich will aus der Spaltungsfalle raus. Darum spiele ich nicht mit beim IchGut|DuBöse-Spiel. Ich werde stattdessen denjenigen helfen, denen arg mitgespielt wurde. Und ich werde auf diejenigen zugehen, die anders denken als ich. Das gilt keinesfalls für die Täter aus Politik, Medien & Co. Ganz klar - die müssen zur Verantwortung gezogen werden. Es geht mir um meine Mitmenschen. Das wird ganz schön herausfordernd. Weiß ich schon. Und sollte wer die Moralkeule auspacken und versuchen wollen, mich moralisch abzukanzeln, so darf er oder sie getrost in Watte rennen. Ich will ein WIR, das zusammenhält, das sich nicht spalten lässt. Ich lasse mich nicht mehr isolieren und auseinander-dividieren. Und ich will wieder lustvoll leben und lachen, diskutieren und streiten.
